
Gesamtkunstwerk
Entwicklung einer Vision und Strategie für ein besonderes Orchesterprojekt oder Mini-Festival
Im Zentrum einer erfolgreichen besonderen Konzertsaison oder eines Mini-Festivals steht eine verbindende künstlerische Vision – ein übergeordnetes Thema oder Konzept, das Programmgestaltung, Inszenierung und Publikumserlebnis miteinander verknüpft. Diese Vision sollte dem Prinzip des Gesamtkunstwerks folgen, bei dem Musik, visuelle Gestaltung, Erzählung und gesellschaftliche Einbindung von der Konzeption bis zur Umsetzung ein kohärentes Ganzes bilden.
Ein überzeugendes Beispiel dafür war WWI: A Centenary Perspective, das anlässlich des hundertsten Jahrestages des Ersten Weltkriegs konzipiert wurde. In dem Bewusstsein, dass es im Großraum Los Angeles keine größeren Gedenkveranstaltungen gab, entwickelte Daniel Alfred Wachs ein Projekt rund um die Co-Auftragskomposition und US-Erstaufführung von Mark-Anthony Turnages Passchendaeles durch das Orange County Youth Symphony Orchestra’s (OCYSO). Statt lediglich ein einzelnes Gedenkkonzert zu präsentieren, entwickelte sich das Projekt zu einer multidimensionalen künstlerischen und pädagogischen Initiative, die grundlegende Fragen zu Krieg, Erinnerung und Widerstandskraft untersuchte.
Das ausgewählte Repertoire schuf einen klaren dramaturgischen Bogen: Charles Ives’ The Unanswered Question stellte die existenzielle Frage „Warum Krieg?“, Turnages Passchendaeles wurde zum musikalischen Akt des Erinnerns, und Carl Nielsens 4. Sinfonie The Inextinguishable bekräftigte den unbezwingbaren menschlichen Geist und die Hoffnung auf ein „Nie wieder“.
Die Wirkung des Projekts reichte weit über den Konzertsaal hinaus und brachte bedeutende Kulturinstitutionen Südkaliforniens zusammen. Dazu gehörten Kooperationen mit dem Young Musicians Foundation Debut Orchestra und der Los Angeles Philharmonic, die die US-Erstaufführung in der Walt Disney Concert Hall im Rahmen ihrer renommierten Reihe Sounds About Town präsentierte. Eine Podiumsdiskussion in der Los Angeles Public Library mit kulturellen und akademischen Persönlichkeiten wie Dana Gioia, Dr. Jennifer Keene und John Mangum erweiterte die öffentliche Auseinandersetzung, während ein abschließendes Kammerkonzert im Los Angeles County Museum of Art (LACMA) Musik aus der Zeit des Ersten Weltkriegs mit der Lesung von Feldpostbriefen verband und im Rahmen von Sundays Live auf KUSC übertragen und live gestreamt wurde.
Durch die Verbindung von Aufführung, Bildung, historischer Reflexion und institutionellen Partnerschaften verkörperte das Projekt das Prinzip des Gesamtkunstwerks in der Praxis.
Wachs orientiert sich bei der Repertoireauswahl an zwei grundlegenden Prinzipien:
Ein erfolgreiches Programm erreicht ein ausgewogenes Verhältnis von Inhalt und Zeit und berücksichtigt dabei den Unterschied zwischen tatsächlicher und wahrgenommener Zeit.
Die Repertoireauswahl muss mit der künstlerischen Vision und Strategie übereinstimmen und die Ziele der Organisation weiterführen.
Wachs plant Programme mit sorgfältiger Berücksichtigung der Fähigkeiten des jeweiligen Ensembles und wählt Werke aus, die sowohl künstlerisch anspruchsvoll als auch pädagogisch gewinnbringend sind. Seine Entscheidungen sollen kurzfristige Erfolge ermöglichen und zugleich das langfristige Wachstum sowohl der Musikerinnen und Musiker als auch der Organisation fördern. Als Leitprinzip gilt im akademischen und pädagogischen Rahmen, dass Repertoire innerhalb eines Vierjahreszyklus nicht wiederholt wird, um kontinuierliche Entwicklung und musikalische Entdeckung zu gewährleisten.
1. Thematische Grundlage – „Was?“
DAW beginnt mit der Identifikation eines zentralen Themas oder einer Erzählung, die sowohl in der künstlerischen als auch in der gesellschaftlichen Dimension Resonanz findet. Dazu können gehören:
Ein bedeutendes kulturelles Jubiläum (Geburtstag oder Todestag eines Komponisten, historisches Ereignis, Stadtjubiläum)
Ein gesellschaftliches Thema (Klima, Migration, Innovation, Freiheit)
Eine künstlerische Auseinandersetzung (Mythologie, Transformation, Reisen, Utopien)
Das Thema sollte nicht nur die Programmgestaltung inspirieren, sondern auch Möglichkeiten für kreative Arbeit über Disziplingrenzen hinweg eröffnen – von Textgestaltung und visueller Konzeption bis hin zu pädagogischen und gesellschaftlichen Erweiterungen.
2. Relevanz und Aktualität – „Warum jetzt?“
Das gewählte Thema sollte idealerweise mit etwas Aktuellem und Bedeutsamem verbunden sein – innerhalb der Organisation, in der breiteren Gemeinschaft oder in der Welt insgesamt. Dies kann sich beziehen auf:
Städtische Gedenkveranstaltungen oder Festivals
Institutionelle Jubiläen oder Meilensteine
Nationale oder globale Diskurse mit lokaler Relevanz
Der hundertste Jahrestag des Ersten Weltkriegs bot für WWI: A Centenary Perspective einen solchen Rahmen und verwandelte ein historisches Jubiläum in eine pädagogische und künstlerische Gelegenheit für Musiker und Publikum.
Diese Relevanz stärkt die Unterstützung innerhalb der Gemeinschaft, erleichtert die Gewinnung vielfältiger Partner und eröffnet Möglichkeiten für Finanzierung und Sponsoring.
3. Künstlerische Integrität an erster Stelle – „Warum dieses Repertoire?“
Repertoire sollte in erster Linie nach künstlerischer Qualität und seiner Übereinstimmung mit der kreativen Vision ausgewählt werden – nicht nach Trends, Bequemlichkeit oder Erwartungen. Eine Repertoireplanung nach diesem Prinzip:
Gewährleistet ein reichhaltiges und authentisches Erlebnis
Ermöglicht die Einbeziehung sowohl bekannter als auch weniger bekannter Werke
Eröffnet, wo sinnvoll, Möglichkeiten für genreübergreifende und interdisziplinäre Programme
Bei WWI: A Centenary Perspective wurde das Repertoire rund um die Co-Auftragskomposition und Uraufführung von Mark-Anthony Turnages Passchendaeles zusammengestellt, um einen erzählerischen und philosophischen Zweck zu erfüllen und nicht lediglich ein Jubiläum zu begehen. Die Verbindung von Ives, Turnage und Nielsen schuf eine musikalische Reise vom Fragen über das Erinnern bis zur Hoffnung.
4. Kooperation und Reichweite – „Wo und mit wem?“
Wann immer möglich, nutzt DAW strategische Partnerschaften mit anderen Kunstorganisationen, gesellschaftlichen Gruppen, Bildungseinrichtungen oder nicht traditionellen Veranstaltungsorten, um:
Reichweite und Wirkung des Projekts zu erweitern
Budgets und Ressourcen durch gemeinsame Produktion oder Vermarktung effizienter einzusetzen
Eine stärkere Durchmischung des Publikums zu fördern, insbesondere jüngerer und vielfältigerer Zielgruppen
WWI: A Centenary Perspective verwirklichte dieses Prinzip durch Kooperationen mit dem Young Musicians Foundation Debut Orchestra, der Los Angeles Philharmonic, der Los Angeles Public Library, der Philharmonic Society of Orange County, der Chapman University, der University of Southern California, der WWI Centennial Commission, G. Schirmer/AMP und dem Los Angeles County Museum of Art. Dadurch entwickelte sich das Projekt von einem einzelnen Konzert zu einer stadtweiten kulturellen Initiative.
5. Ansprache junger Zuhörer – „Wie?“
Um junge Menschen wirklich zu erreichen, sollte ein Projekt ein vollständiges Konzept bieten, das Folgendes umfasst:
Eine überzeugende erzählerische oder thematische Rahmung
Visuelle und erlebnisorientierte Gestaltung (Licht, Multimedia, immersive Elemente)
Moderierte oder dramaturgisch gestaltete Aufführungen, die den Kontext vermitteln, ohne das musikalische Erlebnis zu verwässern
Zugängliche Plattformen (digitale Elemente und Storytelling über soziale Medien)
Pädagogische Gespräche, Live-Lesungen und interdisziplinäre Präsentationen können die Auseinandersetzung vertiefen und das Zuhören zu einer umfassenderen kulturellen Erfahrung machen. WWI: A Centenary Perspective umfasste daher eine Podiumsdiskussion sowie eine szenische Lesung von Briefen, die Soldaten von der Front geschrieben hatten, eingebettet zwischen Musikwerken aus dieser Zeit.
6. Umsetzung als Gesamtkunstwerk
Von der Planung bis zur Aufführung sollte eine Saison oder ein Festival als vollständig integriertes künstlerisches Produkt realisiert werden, mit:
Klaren erzählerischen oder thematischen Verbindungslinien
Einer starken visuellen Identität in Print, digitalen Medien und auf der Bühne
Einer konsistenten Tonalität und Botschaft in der Kommunikation mit dem Publikum
Möglichkeiten für Interaktion, Entdeckung und Teilhabe über den Konzertsaal hinaus
Wenn ein besonderes Projekt ganzheitlich konzipiert wird, entsteht mehr als eine Abfolge von Konzerten. Es wird zu einer kulturellen Erfahrung, in der Aufführung, Bildung, visuelle Präsentation, Partnerschaften und Publikumsbindung als einheitliches Ganzes zusammenwirken – eine zeitgemäße Verwirklichung des Ideals des Gesamtkunstwerks.


Prof. Dana Gioia , Poet Laureate of California & former Chairman of the National Endowment of the Arts
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